Marikke Heinz-Hoek
Video - Fotoarbeiten - Multiples - Zeichnungen
lebt und arbeitet in Bremen


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MÄRZ 2013 - EHEMALIGES WOHNHAUS IN BREMEN-SCHWACHHAUSEN





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MAI 2013 - DIE OHNMACHT DES HÜHNERGOTTS


In der Hartwigstrasse in Schwachhausen kann man zur Zeit noch ein Haus entdecken, das gerade dadurch auffällt, dass man es kaum sieht. Es liegt zugewachsen hinter hohen Rhododendronbüschen. Efeu ist über das Mauerwerk bis auf das Dach gekrochen. Gebogene Butzenscheiben lassen sich nur vage erahnen. Ab und zu bleiben Passanten stehen, sie staunen und fragen sich, wer in diesem Haus wohnt -  ist es überhaupt bewohnt? Aufdem Dach erkennt man eine Alarmanlage. In der Einfahrt rechts stand noch vor kurzem unter grauer Plane verdeckt ein Auto, auf der sich Blätter angesammelt hatten. Vom Gehweg aus erkennt man an der Wohnungstür Sicherheitsschlösser und einen Türspion. Es ist das Haus von Henning Grunwald und seiner Frau.

Henning Grunwald (Hans Henning Glade), Schriftsteller -  mehr ein Poet -, wird  am 9. Januar 1942 in Bremen geboren und macht am Alten Gymnasium Abitur. Später studiert er in Hamburg, Freiburg und Berlin Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte. Er beginnt zu schreiben und hat Erfolg. Im Laufe der kommenden Jahre gibt der Klett-Cotta-Verlag vier Bücher heraus:

Neue Beschreibung der Eingeborenen (1978), Die Versager/Roman vom sanften Hass (1979), Das Wort hat der Ichkönig (1981), Der Narr wirds schon reimen (1982). Der Band Vom Essen und Trinken (mit Karin Kiwus zusammen herausgegeben) erscheint 1978 im Insel Verlag.

1980 liest er beim Ingeborg Bachmann-Preis in Klagenfurt seine Romanpassage Gib jetzt das Blendwerkzeug zurück. Adolf Muschg schätzt ihn, und Alfred Kolleritsch hat ihn schon Ende der siebziger Jahre eingeladen, seinen Roman Der Drehkäfig im Literaturmagazin Manuskripte als Fortsetzungsroman zu veröffentlichen. 1983 erhält er den Förderpreis für Literatur in Berlin.


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JULI 1980 - TV-INTERVIEW DES ORF IM RAHMEN DES INGEBORG BACHMANN PREISES





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MAI 2013 - DIE OHNMACHT DES HÜHNERGOTTS

Fotos aus jener Zeit zeigen Grunwald mit damals modisch-längerem Haar, Brille und Schnauzbart, wie eine Mischung aus Wolf Biermann und Günter Grass. Auf Lesereisen fühlt er sich zunehmend unwohl und kann nur durch Alkohol und Zigaretten den Stress bewältigen. Er zieht sich vom Literaturbetrieb, von den Kollegen und der Öffentlichkeit zurück. Sein Wohnsitz wird endgültig wieder Bremen, wo auch seine Mutter noch lebt. Grunwalds Frau sorgt als Psychotherapeutin für das nötige Einkommen. Nachfragen von Verlag und Kollegen wimmelt sie ab. Grunwald geht nie ans Telefon. Er entwickelt eine ausgeprägte Sozialphobie. Das Paar lebt in engster Verbindung. Freunde gibt es nicht. Abends gehen sie ein paar Schritte hinaus im Schutze der Dunkelheit. Seine Leibesfülle nimmt zu. Sein Herz macht Probleme. Er liest mehr als er schreibt, die Bücherregale biegen sich. Grunwald  geht schlafen, wenn seine Frau morgens in ihre Praxis ins Haus nebenan geht. Für eine Bremer Künstlerin, die Patientin seiner Frau war, schreibt er 1993 den Text (T)ERROR UND SPIEL, der in zwei Kunstkatalogen erscheint und auf diese Weise seine letzte Veröffentlichung ist. Als Gegengabe sucht er sich bei ihr eine großformatige Computergrafik mit Hölderlin-Bildnis aus. Sie schreiben sich drei Briefe. Außerdem schenkt er ihr eine experimentell gestaltete Copy Art, denn er probiert am hauseigenen Fotokopierer einiges aus. Sie trägt den Titel : Ob nicht die rastlose Mimesis auch die formenden Hände umformt... Versuche der Künstlerin, ihn in verschiedene Kunstprojekte einzubinden, scheitern, bis auf eine Lesezeichenreihe der Stadtbibliothek Bremen, für die er ein Gedicht verfasst.


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1987 -
Ob nicht die rastlose Mimesis auch die formenden Hände umformt...





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MAI 2013 - DIE OHNMACHT DES HÜHNERGOTTS

In seine Privatheit wird niemand eingelassen. Der Garten wächst zu, genau wie das Haus. Ein verwunschener Ort. So ziehen die Jahre ins Land. Grunwald geht zum Schluss nicht einmal mehr auf die Terrasse, Körper und Herz machen nicht mehr mit. Klinikaufenthalte folgen. Am 3. Juli 2009 stirbt Henning Grunwald an Herzversagen. Eine Todesanzeige erscheint nicht. Seine Frau steht unter Schock. Erst Monate später fühlt sie sich imstande, der Künstlerin mitzuteilen, dass sie nun allein ist. Es entwickelt sich ein Briefwechsel zwischen beiden, in dem einige von Grunwalds schriftlichen Skizzen, Notizen, und Tagebuchaufzeichnungen kopiert mitgeschickt werden. Im vierten Jahr nach seinem Tod zieht seine Frau in ein Heim, sie hat aus ihrem Schockzustand nicht mehr herausgefunden. Das zugewucherte Haus mit Gartengrundstück steht 2012 zum Verkauf. Die Entsorgung des Hausstandes liegt in den Händen einer als seriös eingeschätzten Firma. Von Grunwalds Bücherschätzen und eigenen Texten bleibt nichts erhalten. Der Abriss des Hauses steht noch bevor. Im Frühjahr 2013 kann man in den großen Garten gelangen und auch das Haus von hinten sehen. Den Weg muss man sich durch gefällte Bäume und Buschwerk erkämpfen. Welkes, wucherndes Gras überall, linkerhand blühen zwei verwilderte Narzissen, ein paar Schritte weiter zwei rote Christrosen und daneben ein kleines Grüppchen Buschwindröschen.

Wie auf eiligem Weg verloren liegt ein kleiner grauer Stein im Gras, der aussieht wie der Teil einer Nase - seitlich gesehen - mit Nasenloch, durch das ein mürber Jutefaden gezogen und verknotet ist, ein Hühnergott.


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MÄRZ 2013 - EHEMALIGES WOHNHAUS IN BREMEN-SCHWACHHAUSEN




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MÄRZ 2013 - EHEMALIGES WOHNHAUS IN BREMEN-SCHWACHHAUSEN





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MÄRZ 2013 - EHEMALIGES WOHNHAUS IN BREMEN-SCHWACHHAUSEN




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WIRD FORTGESETZT


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